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Einheimisch und standortgerecht – sinnvolle Vorgabe oder planerische Falle?

In Ausschreibungen für Siedlungsgrün taucht die Forderung „einheimisch und standortgerecht" heute fast selbstverständlich auf. Diese Vorgabe ist gut gemeint. Gleichzeitig lohnt es sich, genauer hinzuschauen, was sie im urbanen Kontext tatsächlich bedeutet und wo ihre Grenzen liegen.

Einheimisch ist nicht gleich standortgerecht

Die Gleichsetzung von „einheimisch" mit „ökologisch wertvoll" greift im Siedlungsraum zu kurz. Innerstädtische Böden sind stickstoffhaltig, gestört, humusarm und hitzebetont. Sie entsprechen keinem natürlichen Standort der heimischen Flora. Waldkräuter oder typische Wiesenpflanzen scheitern dort schlicht an den realen Bedingungen. Was gebraucht wird, sind standortangepasste Spezialisten, die auch unter schwierigen urbanen Verhältnissen dauerhaft funktionieren. 

Was Biodiversität im Siedlungsraum wirklich fördert

Forschungsergebnisse zeigen: Entscheidend für die Artenvielfalt im urbanen Grün ist nicht die Herkunft der Pflanzen, sondern die Strukturvielfalt der Vegetation. Das hat konkrete Konsequenzen für die Planung: Blütenreiche Staudenflächen mit langen Blütezeiten, Strukturreichtum durch Hecken, Bäume und Sträucher, Sonderstandorte wie Tümpel oder Totholzhaufen sowie Pflegeregelungen, die Spontanvegetation und lange Graspartien zulassen. All das schafft urbanen Lebensraum - für Mensch und Natur.

Differenziert denken, differenziert planen

In der offenen Kulturlandschaft ist die Verwendung regionaltypischer, einheimischer Gehölze und Saatmischungen klar sinnvoll und richtig. Im Siedlungsraum hingegen müssen Bespielbarkeit, Pflegeaufwand, Ästhetik und Nutzungsanforderungen gleichwertig in die Konzeption einfliessen. Wer Siedlungsraum und Kulturlandschaft gleichsetzt, riskiert Pflanzungen, die optisch gut gemeint sind, ökologisch aber wenig leisten und in der Praxis nach zwei Saisons erneuert werden müssen. Eine fundierte Freiraumplanung berücksichtigt daher sowohl die ökologischen Ziele als auch die realen Nutzungsanforderungen vor Ort und findet dafür die passenden Pflanzlösungen.

Regenwasser im Siedlungsraum – vom Problem zur Chance

Versiegelte Flächen gehören zum Alltag der Siedlungsentwicklung. Strassen, Parkplätze und Plätze sind notwendig, doch sie verändern den Wasserhaushalt grundlegend. Im ungestörten Naturraum verdunsten 72% des Niederschlags, 26% versickern und nur 2% fliessen oberflächlich ab. In der Stadt kehrt sich dieses Verhältnis um: 54% fliessen ab, nur 32% verdunsten und 14% versickern. Die Folgen sind Hochwasserspitzen, Gewässerverschmutzung und eine schwindende Grundwasserneubildung.

Vom schnellen Ableiten zum naturnahen Kreislauf

Die traditionelle Antwort auf Regenwasser in Siedlungen ist das schnelle Ableiten über Mischkanäle. Das belastet Kläranlagen, erhöht Abflussspitzen und trägt wenig zur lokalen Wasserbilanz bei. Regenwasser, das über Verkehrsflächen abfliesst, ist zudem mit Schadstoffen aus Reifenabrieb, Verbrennungsrückständen und atmosphärischen Einträgen belastet und gelangt so ungefiltert ins System. Die naturnahe Entwässerung verfolgt einen anderen Ansatz: Verdunstung, Versickerung und Rückhaltung werden so weit wie möglich wiederhergestellt. Masstab ist der natürliche Wasserkreislauf. Die Reinigung erfolgt dabei primär durch bewachsenen Oberboden. Eine biologisch wirksame, kostengünstige und langlebige Lösung. 

Bausteine, die sich kombinieren lassen

Mit der naturnahen Entwässerung steht ein breites Spektrum an Elementen zur Verfügung, die sich je nach Platzverhältnissen, Untergrund und Nutzung kombinieren lassen. Durchlässige Beläge wie Rasengittersteine, Schotterrasen oder Drainpflaster ermöglichen Versickerung direkt an der Oberfläche. Offene Ableitungsrinnen und begrünte Mulden machen den Weg des Wassers sichtbar und sind einfacher zu unterhalten als unterirdische Leitungen. Rückhaltemulden, Gräben und Teiche dämpfen Abflussspitzen und schaffen gleichzeitig neuen Lebensraum für Flora und Fauna. Dezentrale Anlagen reduzieren Schadstoffkonzentrationen an Einleitungsstellen deutlich wirksamer als zentrale Systeme. Laut einer Studie könnten mindestens 30% bestehender Verkehrsflächen durch geeignete Bauweisen entsiegelt werden. Hier ist ein erhebliches Potenzial, das bei Sanierungen und Neuplanungen gezielt genutzt werden kann. 

Mehrfachnutzen für Gemeinden

Naturnahe Entwässerung ist keine rein technische Maßnahme. Richtig geplant, entlastet sie das Kanalnetz, reduziert Baukosten, verbessert das Mikroklima und erhöht die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum. Gleichzeitig fördert sie Biotop- und Artenvielfalt und kann in bestimmten Fällen als ökologische Ausgleichsmassnahme angerechnet werden. Naturnahe Versickerungsanlagen im öffentlichen Raum wirken darüber hinaus als sichtbares Vorbild für den privaten Bereich. Ein Multiplikatoreffekt, der in der Gemeindeentwicklung nicht zu unterschätzen ist.

Staudenhecken – pflegeleichte Alternative mit ökologischem Mehrwert

Hecken sind aus dem Siedlungsraum nicht wegzudenken. Als Raumteiler, Sichtschutz und Lebensraum für Insekten erfüllen sie wichtige Funktionen. Doch klassische Gehölzhecken bringen Herausforderungen mit sich: Abstandsregelungen, hoher Pflegeaufwand und wenig Flexibilität in engen Grünzonen. Staudenhecken bieten hier eine durchdachte Alternative.

Zehn Jahre Praxistest

An der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) wurden 2007 sieben Staudenheckenmodule auf dem Campus Wädenswil bepflanzt und über zehn Jahre beobachtet. Das Ergebnis ist eindeutig positiv. Die Systeme schlossen sich zu 100 Prozent, Unkraut und invasive Straucharten wie Brombeere oder Kirschlorbeer fanden keinen Platz. Grosse Geophyten wie Camassia und Darwin-Tulpen zeigten sich nach zehn Jahren noch immer vital. Der Pflegeaufwand beschränkt sich auf einen maschinellen Winterrückschnitt Ende Januar. 

Aufbau und Funktionsprinzip

Staudenhecken folgen einem klaren strukturellen Prinzip: Eine Mischung aus vier bis acht Arten wird auf einer linearen Fläche kombiniert; Gerüstbildner bzw. Leitstauden im Zentrum, flankiert von Begleitern, Bodendeckern und Schleppenstauden. Voraussetzung für ein stabiles System sind humose, luftführende Böden oder geeignete urbane Substrate. Eine Beetbreite von 80 Zentimetern hat sich für den maschinellen Rückschnitt als optimal erwiesen.

Kombination mit Baumreihen

Ein Praxisbeispiel zeigt das Potenzial besonders deutlich: 2010 wurde eine Staudenhecke in eine bestehende, rund 20-jährige Baumreihe integriert. Die Unterhaltskosten auf dem Grünstreifen konnten erheblich gesenkt werden, da deutlich seltener gemäht werden muss. Laub und Schnee werden an der Hecke gebunden, die Systemkanten sind selbstreinigend. Die Bäume profitieren durch reduzierten Mähstress am Stamm sowie durch den Laubeintrag, der das Bodenleben fördert und die Baumvitalität steigert. 

Relevanz im urbanen Raum

Staudenhecken sind unterhaltsoptimiert, langlebig und ökologisch wirksam. Als Insekten- und Bienenweiden leisten sie einen direkten Beitrag zur Biodiversität im Siedlungsraum. Gleichzeitig reduzieren sie den Pflegeaufwand gegenüber konventionellen Lösungen deutlich. Für Gemeinden, die Grünflächen effizient und ökologisch sinnvoll gestalten möchten, sind Staudenhecken eine Pflanzlösung, die sich in der Praxis bewährt hat sowohl in eigenständigen Grünzonen als auch in Kombination mit Baumreihen und bestehenden Strukturen.

Stadtgrün als Standortfaktor – was Natur im urbanen Raum wirtschaftlich leistet

Stadtnatur wird in der Planungspraxis häufig als Kostenfaktor wahrgenommen. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen jedoch ein anderes Bild: Grünflächen, Biodiversität und naturnahe Gestaltung erzeugen nachweisbare wirtschaftliche Werte für Immobilien, Unternehmen und den Tourismus. Dies zeigt eine Studie aus Deutschland auf (Ökosystemleistungen in der Stadt, 2016).

Grünflächen steigern Immobilienwerte

Städtische Grünflächen schlagen sich messbar in Immobilienpreisen nieder. Eine Verringerung der Distanz zur nächsten Parkfläche um 100 Meter erhöht den durchschnittlichen Kaufpreis messbar. Eine Erhöhung des Grünflächenanteils im 500-Meter-Umkreis um 1% bewirkt ebenfalls einen Preisanstieg. Auch Wasserflächen wirken werterhöhend, Brachflächen dagegen wertmindernd. Bemerkenswert dabei: Die Leistungen öffentlich finanzierter Grünflächen kapitalisieren sich in privaten Grundstückswerten. Ein Argument, das bei der Planung neuer Baugebiete und der Finanzierung von Grünflächen stärker berücksichtigt werden sollte. 

Naturnahe Unternehmensareale rechnen sich

Für Unternehmen ist naturnahe Gestaltung weit mehr als ein ästhetischer Bonus. Studien zeigen, dass der Blick ins Grüne die Konzentrationsfähigkeit steigert, Stress und Blutdruck senkt und den Krankenstand reduziert. Kunden bewerten Produkt- und Servicequalität um bis zu 30% höher, wenn das Geschäftsumfeld begrünt ist. Potenzielle Kunden sind hypothetisch bereit, 35–50% höhere Preise für Produkte aus begrünten Stadtvierteln zu zahlen. Dazu kommen direkte Kosteneinsparungen: Die jährlichen Unterhaltskosten für eine naturnahe Wiese betragen rund 1.00 CHF/m², gegenüber ca. 4.60 CHF für Gebrauchsrasen und bis zu 70 CHF für Rosenpflanzungen. Über zehn Jahre lassen sich durch Wiese statt Rasen rund 8000 CHF/100 m² einsparen. Dach- und Fassadenbegrünungen senken Klimatisierungskosten, verlängern die Lebensdauer von Dachabdichtungen und können Abwasserentsorgungskosten reduzieren. 

Stadtnatur als touristischer Standortvorteil

Attraktive Stadtnatur erhöht auch die touristische Anziehungskraft. In Berlin besuchen 23% der internationalen Touristen gezielt Naturattraktionen. Städte wie Stockholm, Helsinki und Minneapolis bewerben ihre Grünflächen aktiv als Reiseziel. Bekannte Beispiele wie der Central Park in New York mit über 50 Mio. Besuchern jährlich zeigen, dass Grünflächen zu unverzichtbaren Identifikationsmerkmalen einer Stadt werden können. Die Welttourismusorganisation geht davon aus, dass Natur- und Biodiversitätsaspekte für Touristen künftig noch stärker an Bedeutung gewinnen. Die Erkenntnisse aus der Studie zeigen deutlich: Naturnahe Gestaltung ist keine Zusatzleistung, sondern ein Beitrag zur langfristigen Standortqualität – ökologisch, wirtschaftlich und sozial.

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